
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
unter dem Titel "Auf ein Wort" werde ich in Zukunft wieder, wie bereits in der Vergangenheit geschehen, in unregelmäßigen Abständen meine persönlichen Gedanken zu aktuellen Themen der Politik und des Zeitgeschehens veröffentlichen. Über ihre Kritik, egal ob zustimmend oder kritisch, und ihre Anregungen freue ich mich. Schreiben Sie mir doch einfach eine Mail!
Die Fastenzeit ist vorbei und jetzt wird endlich wieder aufgetischt. Ich spreche natürlich vom Osterbraten und einem, zwei, vielen Gläsern Wein, von Süßigkeiten und Ostereiern, von Panettone und weiß der Himmel, auf was wir in den letzten 7 Wochen alles nicht (ich jedenfalls, gestehe ich) verzichtet haben. Bei uns daheim, ergänze ich, gibt es außerdem ganz traditionell russische Pas´cha, baltische Speckpiroggen und Gelbrot.
Aber auch politisch wird saftig aufgetischt und die Prognose, dass uns unser Hallenbad noch eine Zeitlang beschäftigen wird, ist jedenfalls weder besonders hellsichtig noch gewagt.
Und weil das so ist, schreibe ich Ihnen heute gar nichts über Idsteiner Kommunalpolitik sondern ein paar persönliche Gedanken zu Ostern:
„Habt keine Angst!“
„Fürchtet Euch nicht!“ hören wir in der Osternacht den Engel den Frauen am leeren Grabe Jesu zurufen. Und das passt in diesem Jahr so recht zu den ersten Worten, die unser neuer Bundespräsident Joachim Gauck uns zugerufen hat: „Und davor wiederum bitte ich Sie alle, mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen.“ Ist das nicht geradezu und im besten Sinne „österlich“? Dass Joachim Gauck ein evangelischer Pastor ist, ist in diesem Zusammenhang sicherlich kein Zufall. Und wissen Sie, was mir persönlich immer noch im Ohr klingt, ganz buchstäblich und mit dem leisen polnischen Akzent? Der Ruf des Papstes Johannes Paul II.: „Habt keine Angst!“
Auferstehungsfeier und die Worte des Bundespräsidenten nach seiner Vereidigung – in diesem Jahre mögen sie zeitlich nahe beieinander liegen. Zufall? – kalendarisch gesehen sicher. Aber inhaltlich ist da mehr. Und dass die Auferstehung und das große Thema Freiheit ganz nahe beieinander liegen, das ist ja gar nicht neu. Die meisten unter uns – manche sicher mit gemischten Gefühlen – haben den „Faust“ noch vor Augen und den Osterspaziergang:
…Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht. …
„Fürchtet Euch nicht!“ (Matthäus Kapitel 28 Vers 5)
„Habt keine Angst!“ (Papst Johannes Paul II.)
„Es (ist) möglich (...), nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen.“ (Bundespräsident Joachim Gauck)
Uns und vor allem uns „im Westen“ mag das Gefühl für die Großartigkeit von Freiheit, von Befreitsein häufig verlorengegangen sein, das Aufrüttelnde, aber auch die unbändige Freude an Freiheit. Und wenn ich Westen sage, dann meine ich nicht nur im engen Sinne „die alten Bundesländer“, wie man so sagt. Denn so sehr der DDR-Bürgerrechtler Gauck diese Freude empfindet und auszudrücken vermag, so unverfälscht und so authentisch wurde uns dieses Gefühl noch einmal vor Augen geführt, als sich der polnische und der deutsche Präsident beim ersten Staatsbesuch Joachim Gaucks in Polen lange, lange in den Armen lagen.
Sie beide haben nämlich noch nicht das Gefühl für das großartige Geschenk von Freiheit verloren, für beide ist sie nichts Selbstverständliches, was einfach so da ist. Und täuschen wir uns nicht: in den baltischen Ländern, in Polen und Ungarn, in Tschechien und der Slowakei – überall ist das ein sehr lebendiges und unmittelbares und gegenwärtiges Gefühl, das vielen von uns – ich wiederhole das – leider abhanden gekommen ist.
Gauck sagt: „Ich habe damals gefühlsmäßig bejaht, was ich mir erst später theoretisch erarbeitet habe: dass aus dem Glück der Befreiung die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung erwachsen muss und dass wir Freiheit in der Tiefe erst verstehen, wenn wir ebendies bejaht und ins Leben umgesetzt haben.“
Die Bibel und Goethe, der Papst und der Präsident: alle machen uns Mut zum Leben, zur Freiheit, zur Übernahme von Verantwortung. Und so ist das auch eine Aufforderung an uns Bürger auf allen Ebenen unseres Landes. Eine Aufforderung, sich einzubringen. Gauck formuliert das so: „Bedenken sollten wir dabei: Derjenige, der gestaltet, wie derjenige, der abseits steht, beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unseren Kindern so
anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land „unser Land“ sagen können.”
Und ich füge hinzu, sozusagen als fröhlicher Christenmensch: lassen Sie uns das nicht mit der sauertöpfischen Miene der Übernahme einer lästigen Verpflichtung tun, sondern mit Freude an der Arbeit, Freude an der Verantwortung, Freude daran, selbst mittun zu dürfen und zu können und schließlich Freude daran, etwas erreicht zu haben.
In diesem Sinne noch einmal unser Bundespräsident:
„Was für ein schöner Sonntag!“
Einen schönen Sonntag, frohe Ostern und eine gute Zeit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen und bin bis zum nächsten Mal
Ihr
Thomas Zarda
PS
Wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben und dafür erübrigen wollen: lesen Sie doch einmal in aller Ruhe nach, was uns unser Bundespräsident in seinen ersten Reden gesagt hat. Ich finde, es lohnt sich. Wort für Wort und Satz für Satz.
Sie können die beiden Reden hier aufschlagen:
Dankesworte-Bundesversammlung.pdf
Rede_nach_der_Vereidigung_zum_Bundespraesidenten.pdf